Veränderungen im Bildungssystem

Unser Bildungssystem befindet sich nicht erst durch die Corona-Krise in einem Umbruch. Das spüren wir an allen Ecken und Enden. In diesen Zeiten wird Digitalisierung oft als Antwort auf notwendige Veränderungen und zeitgemäßes Lernen gesehen, doch es braucht noch mehr. Tools und digitale Ausstattung allein werden nicht reichen um unser Bildungssystem auf das nächste Level zu heben. Denn das, was bei allen Veränderungsbemühungen oft übersehen wird, ist die Veränderung im Innen, die dem Außen folgen muss.

  • Wir erweitern Lernsettings durch digitale Endgeräte und passen dennoch die Freiheitsgrade für die NutzerInnen nicht an.
  • Wir führen neue Prüfungsformate ein und stoßen an Grenzen bei der Bewertung von Gruppenleistungen, weil das System auf die Bewertung des Einzelnen ausgelegt ist.
  • Wir bauen neue Schulgebäude mit Kollaborationsräumen und verkleinerten Klassenzimmern und wundern uns, dass der Unterricht dennoch traditionell stattfindet.

Was uns entgeht ist der Blick auf die unsichtbaren Wirkfaktoren der inneren Haltungen. Martin Permantiers Modell der sechs Haltungen hilft uns zu verstehen, welche Bedürfnisse, welche Annahmen und Überzeugungen den Handlungen von Menschen zu Grunde liegen. Das Modell beruht auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen – insbesondere auf dem Konzept der Ich-Entwicklung von Jane Loevinger.

Das Modell der sechs Haltungen hilft uns zu begreifen, welche unterschiedlichen Haltungen (oder „Annahmen, Überzeugungen und Werte“) in hitzigen Dialogen rund ums Lernen und Lehren aufeinanderprallen und warum viele Veränderungsbemühungen im Bildungssystem scheitern.

Unterschiedliche Haltungen sind wie unterschiedliche „Fenster“ durch die die Beteiligten ihre Welt betrachten. Die Ausblicke sind sehr unterschiedlich. Es entstehen Konflikte.

Unterschiedliche Haltungen zum Schul-Lockdown im Frühjahr 2021

In Kooperation mit Martin Permantier habe ich das bekannte Poster „Haltung entscheidet“ weiterentwickelt und für den Bildungsbereich angepasst.

Das neue Poster „Haltung entscheidet – Perspektiven auf Lernen und Lehren“ reflektiert die inneren Haltungen mit dem Fokus auf Lern- und Lehrprozesse. Es will die Augen öffnen für die verschiedenen Blickwinkel mit denen auf Lernen und Lehren geschaut werden kann. In das erweiterte Poster sind Lerntheorien, Kulturentwicklungsmodelle und wissenschaftliche Erkenntnisse zur Lernmotivation eingeflossen.

Das Poster will zum Reflektieren und zum gemeinsamen Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden anregen – ob in der Schule, in der Ausbildung oder in der beruflichen Weiterbildung.

Was verstehen wir unter Lernen und Lehren in den einzelnen Haltungen?

Lernen und Lehren in der selbstorientiert-impulsiven Haltung

Die selbstorientiert-impulsiven Haltung versteht Lernen als Zwang und Druckmittel. In dieser Haltung sind neurologische Lernprozesse stark gehemmt. Intrinsisch motiviertes Lernen ist nicht möglich. Lernen dient der Anpassung und dem Vermeiden von Sanktionen. Es herrscht ein starker Konkurrenz-Druck unter den Lernenden: „Du oder ich“. Die Lernmotivation entstehst aus dem Druck zum Überleben oder durch Beugung des vorhandenen Drucks/Zwangs.

Lehrende sprechen in dieser Haltung Drohungen aus und/oder fordern strikte Unterwerfung ein. Eine Abweichung von gesetzten Regeln wird nicht geduldet. Willkürliches Sanktionieren ist an der Tagesordnung.

Lernen und Lehren in der gemeinschaftsbestimmt-konformistischen Haltung

In der gemeinschaftsbestimmt-konformistischen Haltung ermöglicht Lernen die Zugehörigkeit zur Gruppe (Lerngemeinschaft). Eigenes Denken und Handeln ist in dieser Haltung noch überwiegend obsolet. Es gilt das die Gruppe sagt oder der Lehrende „predigt“. Ein Anderssein oder Regelbruch wird entweder von der Gruppe oder vom Lehrenden sanktioniert. Es herrscht starker Konkurrenzdruck zu anderen Gruppen oder Gemeinschaft. Lernmotivation erwächst in dieser Haltung aus dem Druck zur Anpassung und Befolgung der gemeinsamen Regeln und Normen.

Lernen und Lehren in der rational-funktionalen Haltung

Die rationalistisch-funktionale Haltung versteht Lernen als „Aneignung von Wissen“ und dem „Erwerb von Fachkompetenzen“. In dieser Haltung nimmt sich der Lernende – anders als in früheren Haltungen – als Individuum in der Lerngemeinschaft war und bildet Cliquen mit ihm/ihr ähnlichen. Die Lernmotivation erwächst aus dem Wunsch besser zu sein als die anderen. Leistungsvergleich und Leistungsbewertung stehen im Zentrum dieser Haltung.

Lehrende verstehen sich als Experte und Faktenvermittler. Sie messen und bewerten individuelle Leistungen der Lernenden an Hand von rationalen, gesellschaftlich fest gelegten Normen.

Lernen und Lehren in der eigenbestimmt-souveränen Haltung

Lernende mit eigenbestimmt-souveräner Haltung übernehmen selbstbestimmt Verantwortung für ihr Lernen und gestalten es. Die Lernmotivation erwächst aus dem Wunsch ein persönliches Ziel zu erreichen bzw. erfolgreich zu sein. Lernen wird verstanden als Möglichkeit der eigenen Kompetenzerweiterung und Selbstoptimierung.

Lehrenden gelingt in dieser Haltung der Blick auf das Individuum. Sie fördern die Kompetenzentwicklung der Lernenden und stellen Wissen aus individueller Erfahrung und Theorie bereit.

Lernen und Lehren in der relativierend-individualistischen Haltung

In der relativierend-individualistische Haltung kennen Lernende ihre persönlichen Stärken und Schwächen und nehmen diese an. Sie setzen sich mit ihrer eigenen Gefühlswelt auseinander und berücksichtigen andere Haltungen und Meinungen. In dieser Haltung wird Kooperation zwischen Lernenden möglich und als wertvoll empfunden. Die Lernmotivation entsteht aus der Erweiterung von Erfahrungsräumen und Perspektiven.

Lehrende mit relativierend-individualistischer Haltung kennen sich und ihren Erfahrungsraum. Sie sehen sich nicht als „allwissend“ an. In ihrer Rolle agieren sie als Entwicklungshelfer und LernbegleiterIn für die Gruppe.

Lernen und Lehren in der systemisch-autonomen Haltung

Die systemisch-autonome Haltung lässt Lernende co-kreativ und transformativ in einer Gemeinschaft lernen – mit tiefem Verständnis für die Anderen. Er/Sie beobachtet sich selbst und erkennt seine/ihre Vielheit an. Lernende in dieser Haltung handeln tolerant und auf das Gemeinwohl bedacht. Die Lernmotivation erwächst aus dem Wunsch nach Sinnorientierung und Bewusstseinserweiterung.

Lehrende in dieser Haltung agieren zuhörend und unterstützend, sie nehmen sich selbst stark zurück. Sie schaffen Entwicklungsräume zur individuellen Potentialentfaltung und Gelegenheiten zum kollaborativen, gemeinwohlorientierten Lernen.

Unterschiedliche Haltungen zum Lernen
Unterschiedliche Haltungen zum Lehren

Poster & Infoabend zu Perspektiven auf Lernen und Lehren

Zur Premiere des neuen Posters gestalten ich mit Martin Permantier gemeinsam einen Online-Infoabend am 23.02.2022 um 18 Uhr, an dem wir das Modell im Detail vorstellen.
Hier gleich gratis anmelden!

Weitere Informationen zum neuen Poster „Perspektiven auf Lernen und Lehren“ mit Bestellmöglichkeit

Dieser Blogeitrag wurde als Gastbeitrag im Shortcuts Blog veröffentlicht.

Online-Fortbildung New Learning

Miriam Lerch hat eine Fortbildungsreihe für Lehrende, TrainerInnen und Bildungsverantwortliche konzipiert, die das Modell der 6 Haltungen im Kontext von New Learning verstehen lernen oder Wissen dazu vertiefen wollen. Diese fünfteilige Workshopreihe startet im Frühjahr 2022 und liefert wertvolle Impulse und Perspektiven, die dich in deiner Selbstentwicklung als Lehrende/r unterstützen und Organisationsentwicklungsprozesse initiieren können.

Abonnieren Sie den Newsletter

und bleiben Sie auf dem Laufenden