In meinem Umfeld werde ich spätestens nach dem Ende meiner Ausbildung gefragt, welche Tätigkeit sich hinter “Agile Coaching” verbirgt. Denn man möchte sich ja gerne ein Bild machen. Gleichzeitig merke ich in Gesprächen oder bei einem schnellen Blick in die Suchmaschinen, dass die öffentlich wahrnehmbare Jobbeschreibung des Agile Coaches nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat oder noch besser mit dem Auftrag, den wir Agile Coaches in unserer Ausbildung mitbekommen haben. Sicher hängt dies auch damit zusammen, dass es noch keine einheitlichen Standards hierfür gibt. Das Berufsfeld ist neu und teilweise nicht greifbar, deswegen versuche ich mich an dieser Stelle an einer Definition:

Alles agil?

Zu allererst sollte man dafür “agil” unter der Lupe nehmen, der in deutschen Unternehmen ja teilweise schon verbrannt ist. Das ist schade, denn anstatt “flink und wendig” hat er eine ganz zentrale Bedeutung.

Zurück geht der Begriff auf die Systemtheorie und den amerikanischen Soziologen Talcott Parsons, der vier Funktionen identifiziert hat, die jedes System erfüllen muss, um seine Existenz zu erhalten:

  1. Die Fähigkeit eines Systems, auf die sich verändernden äußeren Bedingungen zu reagieren (Adaptation)
  2. Ziele zu definieren und zu verfolgen (Goal Attainment)
  3. Inneren Zusammenhalt und Inklusion herzustellen und abzusichern (Integration)
  4. Grundlegende Strukturen und Wertmuster aufrechtzuerhalten (Latency).

Aus den Anfangsbuchstaben dieser vier Funktionen ergibt sich das bekannte AGIL-Schema.

Mit dem Begriff Agil werden im Arbeitskontext demnach verschiedene Methoden, Fähigkeiten und Kompetenzen umfasst, die ein schnelles, bedarfsorientiertes Reagieren auf veränderte Anforderungen ermöglichen.

Hierbei spielt Informationstechnologie eine entscheidende Rolle, denn sie unterstützt die Schnelligkeit der Reaktion durch Prozesse und Tools.

Neben den Fähigkeiten und Kompetenten ist die persönliche Haltung eine wesentliche Basis für das Gelingen von agilen Arbeitsmethoden. Man spricht deswegen auch von einem “agilen Mindset” als Notwendigkeit für agiles Vorgehen.

Was bedeutet Coaching?

Im Gegensatz zum Beratungs-Begriff ist der Coaching-Begriff in Deutschland teilweise noch unbekannt oder wird mit einem sportlichen Kontext assoziiert.

Das ist eigentlich gar nicht so verkehrt, denn im Gegensatz zu einem Berater der beobachtet, analysiert und daraufhin “Ratschläge” erteilt, agiert ein Coach aus einer humanistischen Haltung heraus. Frei nach dem Motto der Reformpädagogin Maria Montessori “Hilf mir es selbst zu tun!” aktiviert ein Coach Fähigkeiten, Skills und KnowHow zur Problemlösung in seinem Klienten oder Coachee.

Das spannende hierbei ist, dass die Antwort oder Lösung tatsächlich in der hilfesuchenden Person selbst liegt. Sie ist nur verborgen oder in Bruchstücken vorhanden oder sie ergibt sich durch Einnehmen verschiedener Außenperspektiven auf die Situation. Der Schlüssel zur Aktivierung dieser inneren Fähigkeiten und einem Perspektivwechsel sind aktives Zuhören und verschiedene systemische Fragetechniken. Auch ein durch den Coach geleiteter Blick in die Verhaltensmuster und Glaubenssätze können zur Lösung beitragen.

Durch Coaching lernt ein Klient oder Coache also im Idealfall, seine Probleme eigenständig zu lösen, sein Verhalten oder seine Haltung weiterzuentwickeln und effektive Ergebnisse zu erreichen. Coaching ist demnach immer interaktiv und auf Augenhöhe basierend, ein Beziehungsgefälle ist nicht erwünscht. Das Ziel des Coaches muss immer sein, sich selbst überflüssig zu machen.

Welche Aufgaben hat ein Agile Coach?

Führt man diese beiden Definitionen zusammen, bekommt ein gutes Bild über das Tätigkeitsfeld eines Agile Coaches:

Ein Agile Coach unterstützt Organisationen, Teams oder Einzelpersonen agile Arbeitsweisen zu implementieren und die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

Ein agiler Coach steuert diesen Transformationsprozess und begleitet den Strukturwandel.

Ganz toll und verständlich erklärt Beraterin und Coach Svenja Hofert in diesem Video (Juni 2019) die Aufgaben eines Agile Coaches und grenzt diesen zu anderen Tätigkeitsfeldern ab:

Nach Svenja Hofert und der Vermittlung in meiner eigenen Ausbildung würde ich die beschriebene Coachingtätigkeit noch ergänzen um folgende Rollen (aus Gründen der Vereinfachung verwende ich nur die männliche Rollenbezeichnung):

  • Facilitator (= to facilitate, ermöglichen, erleichtern, durch einen Prozess geleiten)
  • Moderator
  • Mentor
  • Scrum Master
  • Organisationsentwickler/Change Manager
  • Trainer
  • Berater

Denn auf dem Weg zur agilen Organisation reicht die Aktivierung der eigenen Ressourcen meist nicht aus.

Ein Agile Coach KANN und MUSS aber nicht mehrere oder gar alle dieser Rollen einehmen. Er/Sie beherrscht eine große Rollenflexibilität und wechselt je nach Bedarf oder Anforderungen der Situation im Team oder der Organisation.

Ein Agile Coach ist also ein passender Begleiter in der digitalen Transformation und des damit einhergehenden Kulturwandels für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen.

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